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- eine auswahl
Charlotte
Roche "Feuchtgebiete"
"In Halle staunen wir über die Feuchtgebiete
der Charlotte Roche! Aus dem gleißenden Skandalroman
wird in der sensiblen Regie von Christina Friedrich
ein dunkles Körperoratorium mit sechs jungen
Spielern, vital und keusch zugleich: Friedrich macht
die Tabubrüche der 18-jährigen Helen,
die unerschrocken ihre Körperöffnungen
erforscht, zwar zum Thema, aber sie setzt sie nicht
grell in Szene. Vielmehr findet sie sinnfällige
symbolische Übersetzungen.
Einfache, suggestive Bilder für ein Theater,
das von Johann Kresnik die Radikalität, von
Sasha Waltz aber die Poesie bezieht.
Mehr und besser noch: Friedrich legt die Romanheldin
gleichsam auf die Couch und befragt sie psychoanalytisch.
Und schon bricht die schnoddrige Fassade auf, welche
die Icherzählerin mit munterer Rotzigkeit da
Seite um Seite hochzieht; schon lugt die bittere
Verzweiflung eines Scheidungskinds hervor, das von
seinem Körper krankhaft besessen ist. Wenn
es ekligen Körpersaft trinkt und wundes Körperfleisch
isst, dann entpuppt sich das auch als Spielart des
Kannibalismus: Angst essen Leib und Seele auf in
dieser so fantasievoll düsteren, verblüffend
schlüssigen Umdeutung der Feuchtgebiete, durch
die Helen eben nicht als Sexmonster, sondern als
heillos verlorene Romantikerin irrt.
Da sehen wir Charlotte Roche mit neuen Augen: Hier
erweitert, vertieft und bereichert die Bühne
den Bestseller. Ein Glücksfall."
Roland Müller, Die Zeit 2008
"Christina Friedrich macht aus dem Text ein
Kondensat extremer Schmerz- und Lusterfahrungen
einer jungen Frau - und nimmt Roches Figur damit
ernster als die Autorin selbst.
Die Metaebene von Roches Text, das Anprangern eines
fehlgeleiteten Körperverständnisses, vermittelt
das Stück durch jene programmatischen Sätze,
die sich überall im Buch finden und die kompiliert
- mal durch den Chor, mal szenisch, mal in Songs
- dargestellt werden. Durch diese Textmontage entstehen
neue Zusammenhänge und ein Tiefgang, den das
Buch nicht bietet.
Das vielleicht schönste Bild der Inszenierung
ist, wenn Ines Schiller als Helen ganz selbstverständlich
ein Stück rohes Fleisch verzehrt, das ihr operativ
entferntes Furunkel symbolisiert: So zeigt die Regisseurin
das radikale Annehmen des eigenen Körpers in
Schmerz und Lust, die autoerotische Selbstvergewisserung
einer Frau - stellvertretend für eine Generation,
die auf den medial vermittelten Terror der Körperlichkeit
verunsichert reagiert."
Annabel Dillig, Süddeutsche Zeitung 2008
"Gezeigt wird ein bildkräftiger Szenenreigen,
in dem Beklemmungen, Neurosen und Zwangshandlungen
wiederkehren. Irgendwo zwischen der selbstgeißelungsseligen
Körperfeindlichkeit der Kirche, den Höllen
der Claudia-Schiffer-Welt mit ihrem Diktat zur Inszenierung
von Schönheit und Erotik und dem Entgrenzungsfuror
eines Marquis de Sade zeigt Christina Friedrich
die nachhaltige Entfremdung von Geist, Körper
und Seele.
Wir sehen: das Leid der misslingenden Impulskontrolle,
die zwanghafte Gier nach Penetration und Aufessen,
die ewige Mechanik der Orgasmuserzwingung, die plötzliche
Hysterie des Schön-sein-Wollens. Dergleichen
wird anderthalb Stunden lang szenisch durchgewalkt
und durchchoreographiert, mal tragisch, mal komisch,
mal absurd, jedenfalls ästhetisch prägnant
und mit famos aufspielenden Schauspielstudenten.
Im Hintergrund geistert ein Familiendrama herum,
eine schattenhafte und suizidale Geschichte mit
Gasherd. Sigmund Freud und Elfriede Jelinek wären
wohl einverstanden. Feldbusch und Bohlen gibt's
woanders."
Ralph Gambihler, nachtkritik 2008
Ödön
von Horváth "Geschichten aus dem Wiener
Wald"
"Es
sind schaurige Gestalten, in die sich das Schauspiel-Team
hinein begibt, wo in einer Sprache der bewegenden
Gesten all die gespenstischen Bildfantasien Gestalt
annehmen, die in den Regionen einer herzlosen Finsternis
lagern. Von diesen bizarren wie obszönen und
oft auch grausamen Bildern geht eine tief empfundene
Wahrhaftigkeit aus, die manche Zuschauer auch als
Zumutung empfinden...Diese Gesellschaft, in der
schon Karl Kraus die Larven und Lemuren erkannte,
seziert Regisseurin Christina Friedrich am Deutschen
Theater ganz im Sinne Horváths, der sein
Schauspiel einen 'Totentanz in sieben Bildern' nannte.
Und sie vertraut auf die theatralischen und emotionalen
Zumutungen, wie sie die Bilder freisetzen."
Tina Fibiger, Pony 2008
Gotthold Ephraim Lessing "Miß
Sara Sampson"
"Ein
erstaunlicher Blick auf dieses Stück, auf die
klassische Dreierkonstellation: Ein Mann, zwei Frauen.
'Un, deux, trois' von Keren Ann, eine betörende,
geheimnisvolle Melodie, ist charmanter Grundton
dieser lasziv heftigen, erotischen Deutung von Lessings
'Miß Sara Samson'. Kein bürgerliches
Trauerspiel, sondern ein Traum von schrankenloser
Liebe, den jeder anders träumt. In dem erst
rosenüberfluteten, dann so rissigen, schrundigen
Bühnenraum (von Petra Maria Wirth) kehrt Christina
Friedrich Lessings Figuren von innen nach außen,
lässt sie ihre Gedanken, ihre Träume spielen.
Kein Realismus, sondern Liebessehnsucht."
Ulrike Kahle, Theater Heute 2004
Ödön
von Horváth "Glaube Liebe Hoffnung"
"Wie spielt man Horvath am Ende des Jahrtausends?
Mit Bildern. Das Klischee vom Atmosphäredichter
von Milieu, Dunst und Zwischentönen, reizt
zur Gegenmaßnahme. Die Sprachmaske, sollte
direkt auf gesellschaftliche Mechanismen verweisen.
Christina Friedrich geht in ihrer Inszenierung von
'Glaube Liebe Hoffnung' noch weiter. Nicht die Sprache
ist das Medium der Entindividualisierung, sondern
das Bild. Christina Friedrich hat eine Methode:
'Ich suche die Brechungen und Räume, die unter
der Geschichte liegen. Dann gebe ich den Figuren
ein Biotop, ein eigenes Raum- und Zeitsystem. In
Proben geht man auf eine Expedition und versucht
in diese Räume so intensiv und so riskant wie
möglich hineinzugehen.' Das Biotop von Horváths
'kleinem Totentanz' ist ein Nekrotop: ein Souterrain
mit flachem Glasdach, ein Leichenhaus. Kein Ausgang
Nirgends (Bühne: Petra Maria Wirth). Wenn Horváths
Text in metaphysisch-sozialen Hohn umschlägt,
erhält die Inszenierung eine beklemmende Eindringlichkeit.
Die Liebe am Ende des Jahrtausends: Demütigung
der Frauen durch Männer, die beherrscht sind
von präfabrizierten Bildern aggressiver Männlichkeit.
Das ist der Befund von Christina Friedrichs Horváth-Produktion."
Gerhard Preußer, Theater der Zeit 1999
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